Die Geschichte von Tann von Dr. F. S. Baumgartner


Tanner Wappen

Diese Abhandlung basiert auf Foto­kopien eines Druckes aus der Zeit um 1858. Ich habe den Text digitalisiert und dabei versucht, ihn möglichst original­getreu wiederzugeben. In Frakturschrift wirkt er dem historischen Original be­sonders nahe; dabei kommt auch das lange „s“ – wie in alten Drucken üblich – gut zur Geltung. Insbesondere wurde die vom Autor verwendete Recht­schreibung unverändert übernommen. Zu jener Zeit gab es im deutschen Sprachraum noch keine einheitlichen Rechtschreibregeln. So wurden beispielsweise zahlreiche Wörter mit „th“ geschrieben, etwa Thal, Thon, Thor, roth, Blüthe, Thräne, größtentheils, thun und Thür sowie deren Ableitungen. Auch die Schreibweise von Orts­namen war damals nicht einheitlich. So finden sich beispiels­weise Formen wie Wurmannsquik (heute: Wurmannsquick), Hirsching (Hirschhorn) oder Thann (Tann).


Inhaltsverzeichnis



Geſchichte des Marktes Thann,


k. Landgerichtes Simbach a/I.,


vom Vereins - Mitgliede

Herrn Dr. med. F. S. Baumgartner

praktisch. Arzte in Thann.


V o r r e d e.

Ehe ich meine Geschichte des Marktes beginne, muß ich der Schwierigkeiten gedenken, welche ich bei Ausarbeitung derselben hatte. Seit 14 Jahren sammelte ich unablässig, und wegen der höchst wenigen Dokumente war ich nur auf die Nachlese in histo­rischen Schriften und fleißige Sichtung der Volkssagen gewiesen; die Aufzeichnungen eines geborenen Thanners, des Kloster-Conventualen und nachherigen Pfarrers Binder zu Höhenstadt, haben meiner Arbeit wesentlichen Vorschub geleistet; diese Auf­zeichnungen waren aber so unrichtig und auch so wenig, daß ich völ­lig von vorne an zu forschen hatte, und so übergebe ich diese Arbeit der Öffentlichkeit ohne Versprechen, für volle historische Genauigkeit überall einzustehen. — Die Bewohner von Thann werden mir aber den kleinen Dank nicht versagen, den ich als ihr erster Geschichts­schreiber verdiene.


An der südöstlichen Spitze des niederbayerischen Kreises, 3 Stunden vom Zusammenflusse des Inns und der Salzach, in einem Thale, gebildet durch mäßige Berge gegen Nordosten, durch andere gegen Süden und Westen, liegt der Markt Thann. Ein Bach, der außerhalb desselben in mehreren Quellen west- und nordwärts entspringt, läßt seine wegen vernachläßigter Eindämmung spärlichen Wässer durch den Markt laufen, und schneidet so denselben in eine westliche und nördliche Hälfte.

Die Lage des Marktes ist von einiger Entfernung gesehen, eine sehr freundliche. Die Häuser, alle 2 und 3 Stockwerke hoch, sind von Norden nah Süden gelagert; die westlich gelegene Pfarrkirche und ein auf dem ehemaligen Schloßberge erbautes massives Tuchmacher­haus, umgeben von hohen Tannen und Linden, bieten einen höchst malerischen Anblick. Von der Höhe dieses Berges genießt das Auge eine ziemliche Fernsicht auf die umliegenden bewaldeten Berge, sowie auf die Salzburger, Steiermärker und tyroler und bayerischen Alpen.

Noch erblickt man fast alles mit Holz bewachsen, größtentheils Föhren- und Tannenholz; von diesem haben viele Einöden und Weiler ihre Benennungen und auch der Markt schöpfte daher feinen Namen. Zum Unterschiede von Tannenthal, Thannenbach, Thannbach u. s. w. hießen die ersten Ansiedlungen an dem bereits zum Moose vertrockneten See „Thann am Moos.“

Thann am Moos hat zweifelsohne schon in frühester Zeit freilich in wenig Häusern bestanden; die ganze Lage beweiset, daß sie Viehzucht und Gewerbe treibenden Bewohnern zum steten Aufenthalte Veranlassung gab, und Kochsternfeld, der fleißige Forscher, sagt mit Bezugnahme auf hiesige Gegend, daß das hohe Bergrevier der Isen links über Mitterskirchen von der Quelle des Türkenbaches über Zeilarn, Schildthurm, Tann und Zimmern Denkmäler einer uralten Völkerheimath und Grundherrlichkeit zeigt, und hält sogar die Umwohner von Zimmern für Slaven. Hier wechseln nämlich öfters Wiesenthäler mit weiten Aderflächen von Lehmboden, den langwierige Trockne nicht ausbrennt und häufiger Regen nicht ertränkt. Die Waldungen, welche Hügel und Rüden decken, nähren die Quellen und beschatten die Weiden, schützen die Fluren (einst auch die Bienen-Wirthschaft) und gewähren, da nur Backsteine zu haben sind, Wohnung und Wärme.

Diese stattlichen Waldungen um Tann am Moos, auf den Höhen Nadel-, in den Thälern Laubholz, worunter 1000 jährige Eichen, dienten Wildpret aller Art zum nährenden Aufenthalte, den an den Bächen und Flüssen sich angesiedelten Bewohnern zum Vergnügen der Jagd und ihres Unterhaltes.
Aus hiesiger Gegend gefundene alte Münzen aus der Römerzeit, einzelne Waffenstücke, sowie die Furchen neben ganz alten Eichen und in Wäldern, lassen gar nicht bezweifeln, daß schon lange vor Christi Geburt Cultur des Bodens dahier auf einer gewissen Höhe stand. Es ist geschichtlich erwiesen, daß die Hunnen im Jahre 912 nach Chr. Geb. ihren legten Zug nach Bayern thaten, und auf dem Mordfelde bei Altötting eine gänzliche Niederlage erlitten. Ohne Anführer, ohne Waffen zerstreuten sich die der Niederlage entronnenen über den Inn und die Isen in der Gegend von Mitterskirchen , Pleiskirchen, Hirsching , Wurmannsquik u. s. w. Da sie hier in einzelnen Abtheilungen ihre Räubereien fortzufegen gedachten, und feste Wohnplätze an den schönen Fluren gründen, zugleich ihrer Religion, dem Arianismus, Eingang verschaffen wollten, so sträubten sich die Urbewohner gegen diese ungebetenen wilden Gäste und machten auf sie von Zeit zu Zeit Jagd. Alt und Jung schloß sich einem solchen Zuge an; man hieß eine derlei Streiferei „die Jagd auf den Wasservogel“ und ein Mann, der als der bedeutendste Ungernwürger galt, „Wurmann“, und eine ganze Reihe von Hunnen aufhing, gab Veranlassung zur Ansiedelung des heutigen Marktes, welcher nah ihm Wurmannsquik genannt wurde. Der sogenannte Wasservogel, eine Volksbelustigung, hat sich zur Erinnerung an die vertriebenen Ungarn bis auf den heutigen Tag in gedachtem Markte erhalten, und wird alle Jahre unter großem Volkszulaufe gefeiert.

Die schönen Jagdreviere zu Wasser wie zu Lande haben nach einer Sage selbst Karl den Großen, als er im Jahre 803 zu Altötting Hoflager hielt, auf hiesige Gegend gezogen. Zur Zeit der Blüthe des Schlosses zu Thann haben auch mehrmals die bayerischen Herrscher zugesprochen. Dieses Schloß mit aller Pracht der damaligen Zeit ausgestattet, war Eigenthum der Grafen von Leonberg, die auf der Umgebung stark begütert waren. Das Schloß war im Gevierte angelegt; ein tiefer Graben gegen Nordost, über den eine mächtige mit Eisen belegte Brücke führte, verwahrte den Zugang; schöne Gärten zierten die Gebäude und ein sicherer Steg von der Anhöhe kürzte den Weg über die am Moose liegenden Häuser zur Kirche; auch diese Sage hat sich zur Stunde erhalten, und daran eine andere geknüpft, welche weiter unten erzählt wird.
Wann das Schloß gebaut wurde, habe ich nirgends gefunden; feine Erbauung fällt wahrscheinlich mit der nun längst als baufällig abgebrochenen Pfarrkirche in einen Zeitraum. Da auf hiesige Gegend das Christenthum durch den heiligen Rupert aus Salzburg eingeführt wurde, so entstand auch schon um jene Zeit die Kirche. In einer Handschrift des Klosters Osterhofen kömmt ein Wolf von Leonberg um das Jahr 1109 vor; er machte mit 3 Mönchen eine Pilgerreise nach dem gelobten Lande, kam von da über Rom mit Reliquien zurück und machte sie der Kirche zu Schildthurm zum Geschenke. Daselbst hatten die Herren von Leonberg angefangen zum schönen Wartthurme eine Kirche zu bauen, bei der sie jene Reliquien aus der Hauptstadt der Christenheit zur öffentlichen Verehrung mit Ge­nehmigung des Papstes unterbrachten.

Die Leonberger wohnten abwechselnd in Thann am Moos, auch in ihrem Jagdhause zu Zimmern, sobald sie daselbst den Vergnügungen der Jagd nachgingen. Sie bauten daselbst eine Kirche für die neueingewanderten Ansiedler, und ließen durch sie und ihren Geistlichen eine große Strecke Waldes lichten, welche sie der Kirche zum ewigen Eigen überwiesen. Beide Kirchen in Zimmern und Thann blieben vereint; sie waren Schwestern ; erst der Gräuel des Schwedenkrieges zwang die Geistlichen sammt ihren pfarrherrlichen Dokumenten die Flucht über den Inn zu nehmen; beide Geistliche kehrten in die verwüsteten Plätze nicht mehr zurück; längere Zeit versah der Pfarrer von Zimmern die Seelsorge auch in Thann, und bestellte mit Genehmigung des erzbischöflichen Ordinariates Salzburg gegen Zehent­entschädigung und Stollgebühren einen Mitgeistlichen für den Markt, der im Herrenhause daselbst mit noch 2 anderen Priestern den Gottesdienst besorgte. Unter den folgenden Pfarrern wohnten einige in Thann selber und ließen in Zimmern durch einen Cooperator ihr Amt verwalten; beide Pfarreien standen sohin unter ein und demselben Pfarrer, welches Verhältnis zum Rechte erwachsen und solange blieb, bis in neuester Zeit die alte Pfarrei Thann wieder hergestellt wurde.

Da das sogenannte Herrenhaus ein Jagdhaus der Leonberger war, von denen es nah dem Aussterben die Herrschaft zu Piesing, ge­genwärtig Sitz des Grafen Sigmund von Berchem, durch Kauf an sich brachte, später aber wieder bis auf das Obereigenthum des Gartens an die Kirche abließ, — daher noch heute die Lehnbarkeit —: so ist erklärlich, daß die erste Ansiedlung der Häuser auch neben der Kirche und um dieses Haus geschah; denn das Moos, welches zwischen der Kirche und dem Schloßberge lag, war noch so wenig getrocknet, daß es meh­rerer Jahre bedurfte, um auf seinem Grunde Gebäude aufzuführen. Das geschah aber allmählich durch die Ausfüllung mit jenen Stein­massen, welche man von den Mauern des verwitternden Schlosses gewann. Daß dem so war, habe ich mich selbst überzeugt, als ich vor wenig Jahren beim Graben eines Brunnen in einer Tiefe von 5 Schuhen bereits zu Stein verhärtete Hölzer und Duft, regelmäßig gehauen, sah.

Eichhornseck
Kirchlein von Eichhornseck

Die letzten Besitzer des Schlosses zu Thann am Moos waren nach Kochsternfeld zwei Damen, von denen die eine, junge Wittwe, ihren Gemahl auf einem Kreuzzug nach dem heiligen Lande begleitete, ohne ihn zurück kehrte; die andere nach der Sage ihren Versprochenen auf einem Turniere zu Nürnberg vor der Hochzeit verlor. Ueber diese herben Geschicke untröstlich, lebten beide zurück gezogen in Gottesfurcht und edlem Wohlthun. Sie bauten bei ihrem Meyerhofe zu Eichensek eine Kapelle und ließen alle Samstage zu Ehren des dort aufgestellten Bildnisses des hl. Leonhard eine Messe lesen und Abends einen Rosenkranz abbeten, welchen Andachten sie jedesmal beiwohnten.

Ueber die tiefe Gottesfurcht der beiden Matronen längst ungehalten, soll der böse Feind nach der Sage den Plan gefaßt haben, insbesonders den Steg vom Schlosse zur Kirche so unbrauchbar zu machen, daß eine Wanderung dahin unmög­lich wurde. Bei Lebzeiten der frommen Damen ging das nicht, denn ein auf dem Stege angebrachtes Kruzifix, dem vorzügliche Wunderkraft zugeschrieben wurde, schien jeden Versuch zu vereiteln. Mit dem Tode der Besitzerinnen des Schlosses nahm man das Bildnis ab; es verschwand im Laufe der Zeit. Der Teufel holte in der nächsten Nacht den Steg, brachte ihn nach einer nahegelegenen Mühle, welche noch heutzutage die Gangsteg- oder Gangsteigmühle heißt, und wollte dort für die lockern Gesellen des Schlosses zu Windpassing eine bequemere Fährte zu ihren Räubereien auf öffentlichen Straßen bauen.
Mit dem Aussterben der letzten Besitzer des Schlosses fiel die Herrschaft an die Leonberge als den nächsten Verwandten; als auch diese erloschen, verfiel das Gebäude.

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Um das Jahr 1200 war der sumpfige Boden, worauf der Markt jetzt steht, schon so fest, daß schon Häuser von Holz gezimmert in zwei Reihen entstanden. Die starke Viehzucht in Hornvieh und Schafen, der viele Bau auf Flachs, gab bald Veranlassung zum Handel in diesen Artikeln; ein wöchentlicher Verkehr und Markt entstand, und der Überfluß an Wolle und Flachs brachte den Gedanken zum Verarbeiten dieser Produkte. Bald entstanden Woll- und Leinwebereien und im Jahre 1300—1400 gingen diese Geschäfte schon so gut, daß auf den Messen zu Augsburg, Ulm und Nürnberg Woll- und Leinenfabrikate aus Thann am Moos häufig zu sehen waren. Mit Bürgern aus dem nahen Braunau besuchten die vermöglichern Weber selbst Amsterdam, und tauschten Fische und andere Fastenartikel ein, die sie an die Klöster mit hübschem Gewinn abließen.

Bald fanden die Leinenweber und Tuchmacher den Weg nach Triest und Venedig, und konnten namentlich in Segeltuch dort solche Geschäfte machen, daß es schon um das Jahr 1450 ansehnliche Häuser in Thann gab, welche sich ausschließlich mit diesem Fabrikate befaßten. — Auf den meisten damals bekannten Märkten suchte man Wollen- und Leinentuch von Thann; die von Aholming nach Gern bei Eggenfelden verlegte Messe wurde von Thannern besucht und gute Geschäfte abgeschlossen.

In Folge so reger Thätigkeit wuchs mit dem Vermögen der Tuchmacher und Weber auch die Anzahl der Häuser und siedelten sich von Jahr zu Jahr Handwerker aller Art an. Um das Jahr 1460 zählte der Markt schon 600 Einwohner. Noch war aber die ganze Umgebung von Thann in dichte Wälder gehüllt. Nach naheliegenden Ortschaften war nur mit vieler Beschwerde zu gelangen; die Tuchmacher bauten sich eine zweite Walke oberhalb der Mühle zu Gangsteig, und bahnten sich den Weg über die Berge; an der Ebene nach Markl und Untertürken war der Fahrweg theils durch die stämmigen mächtigen Eichen ewig beschattet, theils wegen Sumpf so naß und bodenlos , daß Räder und Pferde nur mit Gefahr passieren konnten.

Diese beschwerlichen Zugänge alle hielten aber die Leute doch nicht ab, den Markt wöchentlich zu besuchen. Der Andrang der Handels­leute und anderer Fremden machte bald das Bedürfnis rege, zu den bereits bestehenden zwei Wein- und Methschenken neue Gastrechte entstehen zu lassen ; eine Bierbrauerei erhob sich bei der Kirche, eine andere am Fuße des Schloßberges ; diese besorgte die Reinlichhaltung des Platzes und die Herstellung der Brücke gegen den Verblieb des Viehmarktes vor seiner Behausung; das letztere ist noch heutzutage der Fall. Um das Jahr 1500 zählte der Markt schon stattliche Häuser, von außen nett und reinlich gehalten, boten sie in ihrem Innern Ueberfluß und Wohlstand.

Das Recht, öffentliche Märkte abzuhalten, dürfte aus dem Jahre 1234 stammen; um diese Zeit besuchte nämlich der niederbayerische Herzog Ludwig 1., genannt der Kelheimer, auf seiner Reise nach Braunau, das er mit Mauern umgab, auch den Markt Thann am Moos, und ergötze sich am Gewerbsbetriebe daselbst so sehr, daß er jede darauf bezügliche Begünstigung zusicherte. Dafür hatten aber auch die Bürger in allen Verhältnissen, glücklichen wie unglücklichen, Blut und Gut für ihr Regentenhaus eingesetzt; waren doch in der Schlacht zwischen Ampfing und Mühldorf Bürger von Thann, und hielten sich tapfer zu ihrem Herzog, Kaiser Ludwig dem Bayer. Der Marktflecken gehörte, je nah der Theilung Bayerns, bald zur Regierung nach Burghaufen, bald nach Landshut, Kelheim oder Straubing und München. Am besten war Thann daran, wenn der Herzog in Burghausen seinen Sitz hatte, wie dies unter Otto, dem Bruder Heinrich des älteren von Landshut, der Fall war. Er hielt in Burghausen höchst glänzenden Hof und weilte der Jagd wegen oft mehrere Tage mit zahlreichem Gefolge im Markte. Sein im Jahre 1335 erfolgter Tod wurde mit größtem Leidwesen vernommen, und noch Jahrhunderte erzählte man sich von der Pracht und der Freigebigkeit, womit dieser gütige Herr und Fürst seinen öftern Aufenthalt bezeichnete.

Die damalige Sitte der Fürsten, ihre und ihrer Diener Kleidung nur aus inländischen Stoffen verfertigt zu tragen, hatte namentlich auf Lein- und Wollenweber einen belebenden Einfluß, und der bayer’sche Herzog gefiel sich sehr wohl, als er im Jahre 1387 die erste Dult zu München, in seiner Hauptstadt, aus Anlaß der wiedergefundenen Hl. Hostien auf dem Berge zu Andechs, besuchte, und den reichlichen Tuch-Vorrath sah, der größtentheils aus Thann am Moos war.

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So wie im Jahre 1310 eine furchtbare Seuche in Niederbayern wüthete, welcher selbst der Herzog Stephan erlag, so wüthete eine andere um's Jahr 1463; schrecklich hauste sie in und um Thann; die Leute fielen auf Straße und Plätzen und starben nah wenig Minuten. Gleich arg war die Pest 1521. Man konnte in der Umgebung die Todten nicht einmal in die gewöhnlichen Gottesäcker bringen; es wurde eine halbe Stunde von hier auf freiem Felde ein Pestfriedhof angelegt, dort scharrte man die Unglücklichen in Haufen ein, wie der Platz mit einer kleinen Kapelle, worin die Leichenträger mit den Todten auf der Bahre in einer Tafel abgebildet, noch zum schauerlichen Andenken zeigt.

Ganze Häuser starben aus; eine Menge Kinder wurden elternlos, und des Elendes war so groß, daß alle Werkstätten ruhten, aller Handel und Wandel stockte, und selbst lange Zeit die Märkte unterblieben. Die ganze Umgegend versank in Oede und Trauer; die schönsten Felder und Wiesen blieben unbebaut und überwuchsen, wie noch heute zu sehen, mit dichten Gesträuchen und Holz; alles wurde winterlich und es schien, als haben nie menschliche Hände den Boden urbar gemacht und sich Nahrung und Wohlstand geholt. In solcher Noth setzte man fein Vertrauen auf den Höchsten im Himmel; man gelobte Bittgänge und ließ zum fortwährenden Andenken Pestkreuze an den Fußgängen und Fahrstraßen aufstellen. Die Bittgänge, oft nach sehr entfernten Kirchen, hatten, wenn sie auch die Theilnehmer daran von häuslichen Geschäften zurückhielten, doch den Vortheil, daß sie neben der Erfüllung religiöser Pflichten, den gänzlich gestockten öffentlichen Verkehr herstellten , die furchtsamen Gemühter wieder stärkten, frischen Muth und Kraft zu neuer Thätigkeit gaben, und Handel und Wandel brachten.

Braunauer Weber
Fasadengemälde in Braunau, Linzer Straße

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Einige fruchtbare Jahre verwischten das traurige Andenken an die Pest und belebten die Bewohner des Marktes zu alter Rührigkeit. Die Zunft der Wollenweber legte wieder im Jahre 1470 ihre Erzeugnisse auf der Jakobidult in München aus, wo selbst sie mit den Braunauern rothe und scheckichte Tücher feilboten, welche im Preise so angenehm waren, daß selbst der weise Herzog Albrecht ΙѴ. für sich und fein Hofgesinde Einkäufe machte, den Tuchmachern in blanken Goldstücken auszahlen, ihren Frauen aber schöne Restel zustellen ließ.

Da fast sieben Jahre der Tuchmarkt in München nicht mehr besucht wurde, so war die Rückkunft der Tuchmacher eine um so freudenvollere, und Pfarrer und sonstige Geschäftsbetheiligte begrüßten die Rückkommenden im nahen Schildthurme, und bei der nächsten öffentlichen Prozession war der Tuchmacher-Innung der Ehrenplatz nach dem Allerheiligsten zu Theil.

Durch herzogliche Verordnung wurde ein fester Preis für die verschie­denen Tücher bestimmt und hierbei hoben sich die Tuchmachereien so, daß man diese Geschäfte allenthalben für die angesehensten und besten hielt. Der Tuchmacher Nordegger zog mit mehreren nach Ungarn, ja sogar nach Spanien, um in diesen Ländern Wolle zu kaufen; mit Hunderten von Zentnern beladen zurückgekehrt, fertigten sie mit größtem Fleiße rothe Tücher, welche sie nach Amsterdam versendeten. Die Leinenweber holten sich um 1500 das Geheimnis, Steifleinwand zu machen, aus Paris, und fingen an, mit diesem Artikel, bei der ein­geführten Mode, alles gesteift zu tragen, gute Geschäfte zu machen.

Gleichwie gegen den Beginn des 16. Jahrhunderts in einem großen Theile von Europa eine völlige Veränderung im öffentlichen Leben des Staates und der Kirche eintrat, so erfolgte auch eine solche in den einzelnen Städten und Märkten. Ihre auf alte Grundsätze und Herkommen basierten Verfassungen erlitten durch den Andrang neuerer, durch die erfundene Buch­druckerei schnell verbreiteten Ansichten einen so mächtigen Stoß, daß ganze Einrichtungen über den Haufen geworfen wurden. In Thann am Moos wurden die Geschäfte des Marktes durch eigene Polizei abgethan; die Bürger waren alle wohl bewaffnet, und hatte nach damaligem Schnitte ein Zug solcher fried­lichen Krieger ein gar possierliches Ansehen, als man dem Kaiser Maximilian einst bei seiner Durchreise in Markl Parade machte, und mit langen Haarzöpfen, scheckichten und blauen und rothen Röcken, in Strümpfen und Schuhen erschien. Kaiserliche Majestät lachten laut auf, als die treuen Thanner und Marktler, bewaffnet mit kleinen und großen Spießen und Helebarden, in größter Propretät den kaiserlichen Zug begleiteten.

Diese Uniformierung ihrer Bürger und die Selbstverwaltung der niederen Polizei brachte zwar den Städten und Märkten ein gewisses Ansehen und Unabhängigkeit, entzog sie auch der Willkühr der herzoglichen Beamten, hatte aber doch auch wieder die große Unbequem­lichkeit zur Folge, daß sich im Markte nicht immer die gehörigen Kräfte zur Schlichtung von Polizeiüber­tretungen und anderer Angelegenheiten vorfanden, auch die Verwandtschafts­grade und daraus entsprungenen Rücksichten auf einzelne Gemeindeglieder nachtheilig wirkten.

Der rege Verkehr der Tuchmacher und Leinweber mit den angesehensten Städten Bayerns und selbst Deutschlands, ihr oft wochenlanger Aufenthalt auf fremden Marktplätzen machte sie auch mit den neuen in diesem Jahr­hunderte auftauchenden reformatorisch- religiösen Grundsägen bekannt und vertraut. Die Sittenlosigkeit des tonangebenden französischen Hofes zu Paris fand ihren Weg über die Grenze nach Deutschland; die Kauf- und Handels­leute brachten sie in ihre Heimath, in ihre Familien. Kleidung, Speise und Trank fing man an, nicht mehr nach dem Bedürfnisse, sondern nach dem Geschmacke zu wählen; man überbot sich in Auswahl der Vergnügungen und Bequemlichkeit und trachtete nach dem Gesuchtesten. Bald bildeten sich viele und lustige Trinkgelage; die Spielsucht nahm so sehr überhand, daß von Obrigkeitswegen eingeschritten werden mußte, auch die Nichtachtung des sechsten Gebotes bildete bei damals herrschender all­gemeinen Sittenlosigkeit keinen unerheblichen Zug in unserer Bürgerschaft.

Die häufigen Reisen nach Regensburg und Augsburg, allwo sie Baumwolle kauften und ihre Leinen- und Wollwaare verhandelten, machte die Bürger mit dem feinern Leben der Reichsstädter und der dort zuerst fußenden Religions- Umwälzung bekannt. Um das Jahr 1560 waren Luthers Lehren in Thann schon sehr bekannt; in dem nahen Braunau gab es schon etliche Familien, welche der Reformation mit Leib und Seele anhingen, und ihr Beispiel auf die umliegenden Bewohner so mächtig wirkte, daß nur das landesherrliche Verbot dagegen wirkte. Da ließ es sich der Pfarrer, ein damals sehr gelehrter Mann, der seine theologische Bildung auf der hohen Schule zu Ingolstadt erhielt, und ein geborener Thanner war, angelegen sein, mit aller Macht der Beredsamkeit gegen den Eingang der verderblichen Irrlehre in Wort und Schrift zu kämpfen; er theilte Katechismen aus, worin der auffallende Unterschied zwischen der Lehre Luthers und der katholischen gründlich erörtert wurde; er bewies sich durch seltene Aufopferung in der Seelsorge als einen ächten Diener Christi und war insbesondere ein Vater der Armen und Verlassenen.

Zu den religiösen Wirren damaliger Zeit tritt auch noch der Türkenkrieg; der teutsche Kaiser rüstete sich gegen den Erbfeind der Christenheit, und alle Handwerksleute, die sich mit Arbeit von Leinen und Wolle befaßten, hatten vollauf zu thun. Die Weber in Thann besorgten ganze Ladungen Segeltuch und die Tuchmacher hatten eine goldene Erndte. Es läßt sich aber nicht verkennen, daß bei der all­gemeinen Spannung auf die türkischen Angelegenheiten, im eigenen teutschen Lande die Lehrer der Reformation ungehinderten Eingang fanden.

Die Rüstungen, welche ins unendlich Große betrieben wurden, veranlaßten einen ebenso großen Verkehr mit Verbrauchsartikeln zum Kriege. Die Tuchmacher und Leineweber in Thann brachten ihre Erzeugnisse nach Regensburg, von wo sie zu Massen nach Wien gingen.

Dieser geschäftliche Verkehr wirkte sehr wohlthätig auf den Flor der Gewerbe, hatte aber den Nachtheil, daß die religiösen Grundsätze lockerer als je zuvor wurden. Die Ortenburger Leinweber, welche mit den Thanern stets in Gesellschaft die Märkte des bayer'schen Waldes besuchten, waren des Rühmens über die Behaglichkeit des Protestantismus gegen ihre Gewerbsgenossen so übervoll, daß diese große Lust bekamen, zur neuen Lehre sich zu bekennen; besonders fand bei dem weiblichen Geschlechte die Lehre Luthers raschen Eingang, und wirkte das Beispiel Ortenburgs, woselbst diese Kirchenerneuerung von seinem Grafen gesetzlich eingeführt wurde, höchst Besorgniß erregend auf die Ortenburg naheliegenden Pfarreien.

Wenn auch das Verbot der bayer'schen Herzöge, sich zur Lehre Luthers zu bekennen, seine Wirkung nicht verfehlte und öffentlich Niemand die katholische Kirche verließ, so gab es doch im Geheimen Anhänger genug, und solche fanden sich auch in Thann. Es gab darob oft arge Zänkereien, welche die protestantischen Handwerksgesellen dahier in Arbeit, nach Kräften zu unterhalten wußten.

Um weitern Verdrießlichkeiten vorzubeugen, beschlossen Pfarrer und Bürger-Rath des Innern, daß fortan kein Lutheraner mehr hier Arbeit nehmen dürfe; diese Anordnung half, wenigstens für Thann und da man sich allseitiges Stillschweigen über religiöse Angelegen­heiten feierlich gelobte, so kehrte der häusliche und öffentliche Friede im Markte wieder zurück. Aber nicht so im teutschen Vaterlande; da hatte aller Orten die Fackel der religiösen Zwietracht bereits lichterloh zu brennen begonnen und bereitete alle Gemühter zu Auftritten vor, wie sie der 1618 ausgebrochene 30 jährige Krieg, der Schwedenkrieg genannt, so schreckensvoll brachte.

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Dem Geschichtskundigen sind die Entstehungsursachen dieses grausenvollen Krieges, der alle Merkmale eines Christenthums so völlig verwischte, zu bekannt, als daß ich sie näher erörtern sollte. Diese 30 jährige Mezelei wirkte auch für Thann in seine Geschäfte höchst nach­theilig. Im benachbarten Oberösterreich hatte das Lutherthum mächtige Wurzeln gefaßt und seine Aeste auch auf die bayer'schen Grenzen gebreitet. Als der böhmische Winterkönig Friedrich von der Pfalz sich in Prag wohl fein ließ, rückte Bayerns Herzog Maximilian Ι., der Held des unglücklichen 30jährigen Krieges, mit einem Heere von 30,000 Mann nach Oberösterreich.

Diese Kriegsvölker nahmen auf verschiedenen Wegen ihren Zug nach diesem Lande und berührten auch in Masse den Markt Thann, im Monate August und September des Jahres 1620. Ohnerachtet der edle Churfürst strenge Kriegszucht aufrecht erhielt, so ließen sich die vom Vorurtheile gegen die Lutheraner vollen Soldaten aus dem Schwabenlande manche Ungebührlichkeiten zu schulden kommen, und neckten auf jede mögliche Art im Quartiere.

Es war nun einmal der Krieg in helle Flammen ausgebrochen; die Gemühter waren allerwärts in Unruhe versetzt, das katholische Bayern in Gefahr, von den erbitterten Protestanten erdrückt zu werden; auch die Bürger von Thann schwebten in Unruhe, und wenn auch der Absatz von Wollen- und Leinentuch stark war, so brachte doch jeder Vorsichtige und Kluge sein Scherflein in Sicherheit.

Im Jahre 1626 erregten die über die bayer'schen Verordnungen wegen Religions-Einschränkungen aufgebrachten Oberösterreicher neuen Aufstand, den der General Pappenheim mit einem bayer'schen Heer-Haufen dämpfte. Die Bauern wurden dort zu Paaren getrieben, und die rückziehenden Soldaten nahmen ihre längere Quartiere im Markte; Thann fühlte durch volle 8 Wochen die Last des Krieges zum zweiten Male.

Als der Churfürst Herzog Maximilian Ende August 1620 obigen Feldzug nach Oesterreich unternahm, und in Altötting seine brünstige Andacht verrichtete, empfingen ihn die Abgeordneten seiner treuen Städte und Märkte; unter letztern befand sich auch der Bürgermeister Wallner von Thann, die Bürger Auer, Schönswetter, Stephan, Stießberger und Dunz. Unter dem großen Zudrange von Neugierigen, welche das Haupt der katholischen Liga sehen wollten, bemerkte der große Churfürst den Bürgermeister Wallner, der ihm von Ingolstadt aus bekannt war; er rief ihn sogleich zu sich und unterhielt sich mit ihm aufs Freundlichste, drückte aber zugleich das Bedauern aus, wie sein liebes Bayern anfange, bald der Heerd eines unglücklichen Krieges zu werden. Und der weise Regent hatte Recht. Schon im Jahre 1623 begleiteten den Krieg und der darüber vernachläßigte Feldbau Hungersnoth und Krankheiten aller Art. Heilloses Gesindel in der Menge fand den Weg nach Niederbayern, weil man sich da vor den andrängenden Schweden sicher glaubte. Auch Thann konnte sich nicht schützen, umso weniger, als wegen der allgemeinen Wirren, wegen Hunger und Tod die Polizei lässig gehandhabt wurde. Endlich fielen die gefürchteten Schweden nach der Schlacht bei Leipzig den 7. September 1631 über die bayerischen Grenzen ein und drangen unaufhaltsam nach Landshut, das sie eroberten. Auf ihren verheerenden Raubzügen, wobei sie alles mit Schwert und Feuer verwüsteten, gelangten sie über München in Thann am 15. Mai 1632 an, sie brandschatzen den Markt und hausten dermaßen, daß Weiber und Kinder, die die Flucht nach Braunau nicht ergriffen, von dem unbarmherzigen Gesindel über alle Begriffe sittenlos behandelt wurden. Die Soldaten, Leute aus allen Nationen der Welt, banden die Mädchen und Frauen an Händen und Füßen und trieben ihre viehische Luft; die Männer hatten sie haufenweise abgesperrt, und mordeten sie langsam unter entsetzlichen Martern, indem sie ihnen heißes Blei oder Schmalz in die Oeffnungen des Körpers gossen; die andere mit ihren Bärten an die Pferdschweife banden und durch den Markt schleiften. In der Kirche trieben sie Spott und Hohn mit dem Allerheiligsten, und nahmen die kostbarsten Paramente, ihre Weiber oder Pferde zu kleiden. Was man nicht auf die Flucht mitgenommen, das versteckte man vor dem grimmigen Feind; der Verrath aber entdeckte den Soldaten viele Kostbarkeiten, so daß der Markt gänzlich geplündert ward und nach dem Abzuge der wilden Horden nichts mehr vorhanden war, als die ausgebrannten Häuser.

Um das Jahr 1634 war der Markt zwar von dem fürchterlichen Feinde befreit, aber ein anderer gleich mächtiger, Pest und Hunger, kehrten auf die verödeten Gefilde und zwar in der Art, daß mit dem Ende des gedachten Jahres etwa nur 300 Einwohner noch lebten.

Die Leichen lagen oft längere Zeit in den Häusern unbegraben, verfaulten und steckten an; ganze Familien der ärmern Klasse starben aus, umliegende Dörfer verschwanden und die Gegend wurde einer Wüste gleich. An Geschäfte, an Handel und Wandel war nicht zu denken; die Wohnungen wurden gesperrt; nur in einer Schenke war eine Herberge, nur ein Metzger und Bäcker hielten feil; der innere Rath der Bürger sorgte für die Erziehung so vieler Waisen, zog neue Handwerksleute an, verlieh neue Rechte.

An Straßen und Wegen lagen die Leichen; Naben, Eulen und anderes wildes Gevögel durchstöberten die Lüfte bis sie selbst haufenweise hernieder fielen. Die wenigen Bewohner waren vermummt, wenn sie ausgingen, nur der beherzte Todtengräber suchte an den Opfern der Pest noch nach Lohn für seine Arbeit; der Pfarrer selbst, welcher am Neujahrstage 1635 eine rührende Rede hielt, und zum muthigen christlichen Ertragen so vielen Elendes mahnte, wurde selbst von der schrecklichen Seuche ergriffen, er genaß wieder, wanderte aber aus und kehrte nicht mehr zurück. Ein weiterer Geistlicher war nicht da, und so scharrte man die Gestorbenen ohne Sang und Klang in die Erbe, ja manche Leiche wurde im eigenen Hause beerdigt, weswegen Nachgrabungen in Kellergewölben in neuerer Zeit und in der Nähe des ehemaligen Zehentstadels menschliche Knochen gefunden wurden. Ich selbst war Zeuge solch' ausgegrabener Knochen, und nach den Röhrenknochen zu schließen, mußte der Begrabene ein ungemein großer Mann gewesen sein. Die Gebeine wurden unter Beisein des Herrn Pfarrers Bledl in den Gottesacker versetzt. Die Kirche war 2 Jahre ohne Geistliche; die Seelsorge übernahm der Pfarrer von Zimmern und hielt abwechselnd Gottesdienst; die Bewohner waren durch Pest und Mord der rohen Schweden so wenig, daß ihre Pastorirung leicht zu versehen war.

Nachdem in diesem Kriege alles, was dem wüthenden Feinde unterkam, schrecklich verwüstet worden, auch die Gegend um den Markt in traurige Einöde verwandelt, Handel und Gewerbe darniederlagen, die Bevölkerung verringert und gänzlich verarmt war, schien wenig Hoffnung vorhanden, daß der frühere Gewerbsfleiß wieder aufblühe; aber die Thätigkeit und der Speculationsgeist war so sehr auf dem Plate, daß die wenigen Wollen- und Leinweber schon wieder mit bedeutenden Vorräthen ihrer Waaren die Märkte in Gern und München im Jahre 1646 bezogen.

Die Schweden hatten ihren Kriegsschauplatz anders wohin verlegt, und insbesonders Niederbayern schien auf immer von diesem grausamen Feinde verschont zu bleiben; dem war aber nicht so. Bald ertönte mit dem Anfange des Jahres 1648, als eben die Tuchmacher und Weber auf der Messe zu München waren, der Schreckensruf, daß die Schweden ihre Mord-, Raub- und Brand bringenden Züge nach Bayern fortfetzen. Zu Anfang des Monats Juni 1648 sendete der unmenschliche General Wrangel seine schwedischen Horden an das Bina- und Rotthal entlang; nach dem Befehle ihres Anführers wütheten sie in Eggenfelden und Pfarrkirchen fürchterlich; sie sengten, brennten und schändeten, was ihnen unterkam. Züchtige Weiber und Mädchen stürzten sich in die Rott und ließen sich von den Flammen gräßlich verzehren, ehe sie ihre Tugend an schaamlose unbarmherzige Feinde verloren.

Als die Unmenschen in den gedachten zwei Märkten alles der 'Erde gleichgemacht, und rauchende Trümmer ihnen kein Obdach mehr gewähren konnten, setzte eine Rotte solcher raubgierigen Bestien ihren Zug in der Nacht des 28. Juni 1648 auch nach Thann fort. Der Schrecken hatte die Bürgerschaft dießmal nicht zur Flucht gebracht; Alt und Jung rüstete sich, allein es war umsonst; gegen mehrere hunderte Soldaten konnten die Bürger nichts ausrichten; sie mußten Hab und Gut abermals dem Feinde preisgeben; dieser mordete und verbrannte, was ihm unterkam; die Kirche fing mehrmals Feuer, ein eintretender Regen aber verhinderte weiteres Unglück an derselben. Kinder und Weiber flüchteten in die Keller; die Häuser stürzten und begruben sie jämmerlich.

Während das fürchterliche Geheul der geschändeten Weiber und Mädchen, der verstümmelten Männer, der langsam zu Tode Gemarterten aller Orten gräßlich ertönte, und nach den Erzählungen alter Männer, die schönsten Höfe, ganze Dörfer von den Schweden in Brand gesteckt, Eggenfelden, Pfarrkirchen, Wurmannsquik in vollen Flammen standen, weilte der Blut- und Feuerhund General Wrangel im nothdürftig hergestellten Schlosse zu Gern in Mitte seiner Henkersknechte, badete sich im Wein und schwelgte zum letztenmal mit den Freuden der Tafel und der ausgesuchtesten Wollust, wozu ihm die ihn begleitenden, gänzlich an Geist und Körper verdorbenen Franzosen Anlaß gaben. Als die Nachricht während eines solchen Gelages im Schlosse ankam, daß die räuberischen Söldlinge, dießmals größtentheils Franzosen, die Vorhäuser des Marktes Thann anzündeten und nur der Regen ein Weitergreifen des Feuers verhinderte, da erhob er sich mit seinen sauberen Gefährten zu Roß und sprengte gegen Roglfing der Straße entlang; in der Nähe des heutigen Temmelhofes sah er den Rauch und gab Befehl, den Brand zu schüren. Bald loderte die Flamme hoch auf und der Held Wrangel war zufrieden; seine Leute brachten Beute und zeigten ihre blutigen Hände zum Letztenmale dem Feldherrn, dessen Name noch heut zu Tage, gleichwie der eines Trenk und Melack zum Abscheu dient und gebraucht wird, wenn Jemand über die Verworfenheit ein Urtheil spricht. Wrangel zog mit seinen Räubern und Mordgesellen am 22. Juli 1648 ab, da er nichts mehr zu verwüsten fand. Nach so vielen und unsäglichen Leiden hatte der Markt zwar Ruhe, aber er konnte nun sehen, wie er wieder Leben erhalte. Die Werkstätten waren theils verbrannt, theils verwüstet und unbrauchbar geworden; es mußte von vorne angefangen werben.

Wollte man die Unmenschlichkeiten, welche der schreckliche 30 jährige Krieg mit sich führte, lediglich auf Rechnung der Schweden und der mit ihnen verbündeten Franzosen gegen die Katholiken sehen, so würde man irren. Es ist nicht zu läugnen, daß der Religions­fanatismus alle Partheien erbitterte, und da, wo ein Theil den andern ertappen konnte, stets das Recht des Stärkern mit unerbittlicher Vergeltung entschied. Die Bewohner dieser katholischen Gegend verfuhren ebenso grausam gegen die lutherischen Schweden und richteten sie mit den ersinnlichsten Martern zu Grunde, wenn sie solche habhaft werden konnten. Nach mehreren Jahren fand man schwedische Soldaten in Wäldern mit den Füßen aufgehängt, oder an die Erde angenagelt; Weibsbilder haben die ihnen unter die Hände gekommenen wirklich schauderhaft entstellt, und die darüber von mir gesammelten Sagen übersteigen alles Sittlichkeitsgefühl.

Das gräßliche Schauspiel des 30 jährigen Krieges endete mit dem Frieden zu Münster in Osnabrück und mit ihm kehrte über unser völlig verwüstetes Land die Ruhe, welche dem Tode glich, der in einem Hause alles zur Leiche machte. Die Geschäfte lagen darnieder, Niemand hatte Arbeit; man hatte zu thun, die Häuser in wohnbaren Stand zu setzen, was vieler Mühe bedurfte, da es an Leuten fehlte; diese waren so wenig, daß das Taufbuch vom Jahre 1648 nur 11 Geburten weiset für die ganze Pfarrei Thann.

Der Schwedenkrieg hatte seine Gräuel auf dieser Gegend mit dem Abzuge des Generals Wrangels von Gern geendet; damit aber noch nicht seine unseligen Folgen. Eine im Jahre 1845 dahier verstorbene gerade 100 Jahre alt gewordene Weibsperson, die aber im vollkommenen Besitze ihrer Geisteskräfte war, und in der nahen Pfarrei Reuth geboren, konnte mir in lebhafter Schilderung die Ueber­lieferungen ihres Ahnherrn über die Nachwehen des Schwedenkrieges stundenlang erzählen: „Hornvieh, Pferde, Schaafe und Schweine lagen in Masse theils verbrannt, theils verhungert in Ställen und auf dem Felde; ganze Dörfer und Höfe lagen im Schutt; halbverwesete Leichname zog man aus Gräben, Brunnen und Weihern, aus Kellern und heimlichen Orten; Karren mit Geräthschaften standen in Wäldern, an sie gelehnt eine abgezehrte Mutter mit verhungerten Kindern; wieder anderswo ein Pack Kleider und dabei ein Todten­gerippe. Kinder beweinten ihre Eltern; Eltern ihre Kinder, diese gingen nackt, jene vermochten sich kaum zu bedecken; kein Brod, kein Dach, der Winter vor der Thüre.“

Die Kirche hatte arg gelitten, aber dennoch war sie noch das besterhaltene Gebäude; in ihr sammelte sich abends das Häuflein Bürger sammt ihren Familien. Die Wüstenei, in welche die ganze Gegend herum verwandelt wurde, der Mangel aller polizeilicher Ordnung und Aufsicht ließ das gefallene Vieh öffentlich verfaulen, die gemordeten Leichen unbeerdigt. Die Leute aßen von dem Fleische der todten und erkrankten Thiere; die Felder verwüstet und unbestellt wegen Mangel an Arbeitern, lieferten kein Getreid, kein Brod; überall Hunger und Elend waren Schwäche und Krankheiten die traurigen Folgen, und um das Maaß aller Leiden voll zu machen, kam die fürchterliche Seuche Anfangs des Jahres 1649 die Pest.

Unter Leuten, welche noch nicht den gehörigen Grad der Bildung in Beurtheilung der natürlichen Erscheinungen haben, entsteht leicht der Aberglaube und die Hauptquellen desselben, die Gewohnheit des großen Haufens: „Alles zu bewundern und anzustaunen, was sein Verstand nicht begreifet." Auch die Pest wurde von der Mehrzahl nicht für eine Folge vernachläßigter Sanitäts-Maßregeln, sondern für das Ergebniß außerordentlicher Phänomen gehalten, die man an Sonne, Mond und Sterne beobachten wollte. Es dürfte nicht ungelegen sein, hier als Seitenstück einer Sage zu erwähnen, die noch im Munde des Volkes geht. Als die Pest im Jahre 1521 die hiesige Gegend heimsuchte, brachte sie ein langer Hagerer Mann, den der Fährmann bei Haunreit nächst Stammham in einer Zille – einem kleinen Schiffchen – übersetzte. Die dürre Figur war nach der Aussage des Schiffers mit einem rothen Mantel verhüllt, und hielt unter demselben einen schwarzen Sack verborgen; sie hatte einen langen Stock, woran eine Ofengabel und gab einen entsetzlichen Gestank von sich. Beim Aussteigen an das erreichte Ufer fragte ihn der Schiffer um die Richtung seines Weges und verlangte die Bezahlung. „Er gehe nach Zeilarn und Thann," war seine Antwort, „und hole dort so viele Leichen als Tage im Jahre sind; ihm, dem Fährmann aber, schenke er zur Belohnung aus seinem schwarzen Sacke eine Kugel, die er anhängen müßte, um sich vor der Pest zu schützen.“ Von diesem Tage an riß die Pest in Zeilarn ein, und es starben damals nach der Sage gerade 345 Personen in der Pfarrei Zeilarn und Umgebung von Thann. Auch vor der Pest 1649 erschien dieser langbeinige Mann wieder; man wollte ihn aller Orten gesehen haben, und wo er gesehen wurde, gabs einen sogenannten „Sterb." Der Glaube an diesen „Tod" hatte sich der Mehrzahl so bemächtiget, daß man die eigentlichen Ursachen der Pestkrankheit darüber nicht sehen wollte und sie lagen doch so nahe in den Nachwehen des langen Krieges!

Der kommende Winter des Jahres 1649 n. 1650, die allseitigen polizeilichen Änderungen zur Reinigung der Luft, zur Wegräumung des gefallenen Viehes, zur Unterbringung der Obdachlosen u. s. w. verscheuchte die Pest, und nach und nach baute man wieder Wohnungen und ging frisch zur Arbeit. Die Dörfer verschwanden in ihrer ehemaligen Größe; man baute einzelne Höfe und glaubte so sicherer vor Ansteckung zu bleiben. Im Markte Thann entstanden neue Häuser oder wurden die verwüsteten wieder hergestellt. Aus den Waldungen des Marktes wurde das Holz umsonst abgegeben; das Rathhaus wurde von Grunde aus neu gebaut und zu einem massiven Gebäude bestellt. Weber und Tuchmacher bezogen 1658 schon wieder die Jakobidult zu München, und der Bettenmacher lieferte ganze Kisten voll seiner Waare an die neuentstandenen Kapuziner-Klöster.

Die Regierung griff mit Kraft an die Umgestaltung des öffentlichen Wesens in Bayern und beaufsichtigte sehr angelegen die polizeilichen Zustände. Bei der verminderten Volkszahl hielt man auf strenge Zucht im Markte und brachte es bei jeder Gelegenheit in Erinnerung, daß das Unheil des geendeten 30jährigen Krieges eine sichtbare Strafe Gottes für die Menschen war, weil sie so gewissenslos von seiner Religion abstehen wollten.

Es läßt sich nicht läugnen, daß diese Vorhalte auf unsere Bürger wohlthätige Folgen hatten. Man hatte die Schrecken eines Menschenalters grausamen Krieges noch zu sehr im Gedächtnisse, als daß die Lehren, die derselbe gegeben, hätten sobald vergessen werden können. Tiefe Religiosität, gründlichere und geläutertere Begriffe der katholischen Lehre, hervorgebracht durch strenge Christenlehren in der Kirche und durch eifriges Lesen der Catechismen, welche die Geistlichen austheilten, und wovon ich selbst noch ein Exemplar in Händen habe, traten an die Stelle der oberflächlichen Ansichten von Religion und ihren Gebräuchen, wie man sie vor dem kläglichen Kriege hatte.

Das Familienleben gewann ein anderes Bild; Ruhe und Ordnung kehrten in Land und Haus, und die Segnungen des Friedens brachten über Bayern und seine Städte und Märkte wieder Wohlstand und Gedeihen. Während der 28jährigen Regierung des trefflich guten Churfürsten Ferdinand Maria konnten die Nachwehen des 30jährigen Krieges wieder heilen; auf dem Lande hoben sich Ackerbau, in den Städten und Märkten die Gewerbe und die Thanner Lein- und Wollenweber bezogen wieder regelmäßig die Dulten in Gern und München, machten auch ansehnliche Bestellungen an die churfürstlichen Soldaten in den Garnisons- Plätzen. 70-80 Handwerksgesellen wurden in den Webstühlen beschäftigt, und die Verarbeitung der Wolle fand in solcher Masse statt, daß die heimische Wolle nicht mehr hinreichte, alle Nachfragen zu befriedigen ; die Tuchmacher bezogen einen ansehnlichen Bedarf aus Ungarn; die Weber Garn aus dem bayerischen Walde. Durch diesen lebhaften Betrieb der Gewerbe kam viel Geld im Markte und in der Umgebung in Umlauf; durch Wollspinnen hatten die Armen eine reichliche Beschäftigung und hinlängliche Nahrung. Diese Arbeiter ließen wiederum ihren Verdienst zur Befriedigung vielseitiger Bedürfnisse an die Handwerksleute ab, und so gestaltete sich ein Verhältniß, das viele Jahre hindurch zu dem glücklichsten gehörte, und das zurückzuführen die Zeit förmlich unmöglich gemacht hat.

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Im Markte führten um das Jahr 1690 die Bürger Wallner, Auer, Stephan, Stießberger, Meier, Dunz und Schönswetter im Innern des Raths das Regiment, aber mit so gelinden Zügeln, wie es auf einem ganz und gar versippschafteten Plage nur sein konnte; die Polizei berührte Metzger, Bäcker, Bräuer und Wirthe wenig; es wurden die Verordnungen bekannt gemacht, aber die Schölle oder Bäckerschutze, die selbst unter dem Churfürsten Karl Theodor in dem Jahre 1790 wegen zu schlechten Brodes noch an der Roßschwemme zu München exekutirt wurde, ist wahrscheinlich hier nie angewendet worden. Dagegen hielt man strenge auf öffentliche Zucht. Weibsbilder, welche öfter als einmal zu Falle kamen, wurden mit einem Strohkranze auf dem Haupte auf einen Schubkarren gebunden, und mußten unter Hohngelächter der Jugend und des gaffenden Publikums durch die Straße vom eigenen Verführer geschoben werden, wenn der letztere zu haben war; solche, die durch ihr böses Maul Feindschaften stifteten, erhielten vor dem Rathhause den Maulkorb, wie er noch heutzutage zu sehen ist; der eine wurde mit der Geige gestraft, der andere in den Steck gesperrt, ein dritter saß in Arrest, und so hatte man ein wachsames Auge, damit bei dem möglichsten Betriebe der Geschäfte auch das Seelenheil gefördert werde.

So wie nach dem Schwedenkriege in Erinnerung an die Schrecken desselben die öffentliche Zucht streng gehandhabt wurde, so sah man auch sehr auf die Ordnung einer standesmäßigen Kleidung, um durch eine solche keine kostspieligen Ausgaben und keine Hoffahrt zu veranlassen. Schönes und feines Tuch stand nur für die höheren Gewerbe; Gold und Silber wurde ihnen nicht verargt. Trug dagegen ein anderer Handwerksmann eine über seinen Stand hervorragende Tracht, und hatte, wie es denn oft zu geschehen pflegt, ein häusliches Unglück oder Mißgeschick, so galt ersteres für eine augenscheinliche Strafe Gottes, letzteres für eine billige Vergeltung seiner unklugen Berechnungen in Führung seines Hauswesens. Dennoch aber durfte der Anzug ein theurer aber gewählter sein. Der altdeutsche dunkel­blaue Rock bis unter die Kniee in dichter langer Reihe mit kameelhärnen schwarzen oder bunten Knöpfen besetzt, an den Seiten mit verzierten Taschen, woraus ein Schweißtuch guckte, flatterte in reichem Faltenwurfe an den Schöffen. Die Beinkleider waren von schwar­zem Sammet und gingen bis unter die Kniee, woselbst sie durch eine silberne Schnalle geschlossen wurden; die kräftigen Waden deckten blaue oder blendend weiße Strümpfe; auf den Schuhen bitten ebenfalls silberne oder auch goldene Schnallen, nicht selten mit werthvollen Steinen besetzt; eine silberne Tabaksdose, ein Stock aus Spanien mit Knopfe von edlem Metalle und daranhängendes seidenes Band sammt Quaste, einen schwarzen Filzhut, vorn am Griffe ein Ring, damit er beim Grüßen und Abnehmen leichter gefaßt und weniger beschmutzt wurde, am Werktage eine Schlegelhaube von grüner Farbe für Bräuer, Wirthe, Bäcker und Metzger, um die Hoffnung auf gutes Bier, Brod und Wurst anzuzeigen. So war der strenge Bürger Ende und Anfangs des 17. und 18. Jahrhunderts, fast bis in die 90er, wo der französische Leichtsinn auch seine Mode uns brachte.

Um den Hals trug der vermöglichere Bürger auch eine weiße Krause, an den Aermeln das vorstehende weiße Hemd, und an den Schlitzen der rothen Weste, die an ihren Enden mit Goldband eingefaßt, mit goldfädigen Knöpfen besetzt und netten Seitentaschen ausgeputzt war, sträubte sich das Hemd in reichen Falten, und ließ in ebenso reicher Wallung einen schwerseidenen Flor langes Tuch herabhängen. Die Haare trug jeder Bürgersmann lang in Scheitel gekämmt bis an den Nacken; die Oberlippe zierte ein mächtiger Schnurbart, und nicht selten ein starker Knebelbart das Kinn. Der Hosenlatz mußte breit sein, und beim Hinabfallen desselben war der ganze Bauch offen; die Schuhe an der Spitze abgehackt, die Absätze eben.

An Samstagen und später auch an den Mittwochen scheerte der Bader, bei dem man sich von Zeit zu Zeit badete, das Gesicht an gewohnten Stellen; jeder Meister ging um 4 Uhr Nachmittags in die Litanei und Samstags 5 Uhr war Feierabend. Die weiblichen Dienst- boten besorgten den Küchenvorrath und bestellten die Reinigung der Wohnungen.

Nach der geendeten Litanei und Vesper fanden sich die Meisterbürger an Samstagen in dem der Kirche zunächst gelegenen Gasthause, allwo der Pfarrer und übrige Geistlichkeit die Neuigkeiten an Mann brachte und mit launiger Würze seine Parochianen zu unterhalten, der Bräuer mit gutem Bier und saftiger Wurst zu stärken und plauderhaft zu machen wußte. Karten und Würfel belebten die Gäste, und mancher klagte am Sonntage über seinen Geldverlust; manchmal gab es auch kleine Balgereien, besonders wenn die geistlichen Herren sich früher zurückzogen, und da setzte es denn in der Feiertagslehre eine tüchtige Zurechtweisung ab; die gebläuten Köpfe versöhnten sich beim nächsten Kruge, und nur die Weiber nahmen noch Anlaß ihre gottlosen Mäuler zu wetzen und so scharf zu legen, daß Bürgermeister und Rath mit dem Maulkorb drohen mußten. Damals gab es noch keine Straßenbeleuchtung; jeder versah sich mit einer Handlaterne, und der Glaser machte mit den im Biernebel oft gebrochenen Gläsern keine übeln Geschäfte.

Bei Ausflügen bedienten sich Bräuer, Wirthe und Metzger wegen der allseitigen grundschlechten Wege der Reitpferde; zu Fuhrwerken in eine Mühle u. s. w. der zweiräderigen Karren, die auch bei Hochzeiten als Gallawägen gebraucht wurden. Ein solches Fuhrwerk war vollständig, wenn auf dem dürren Klepper der Knecht mit weiß- und roth- gestreifter Zipfelhaube saß, einen Kittel von Zwilche am Leibe trug, eine kurze bis an die Kniee reichende Hofe anhatte, und die langen Beine auf die beiden Deichseln stellte. Zwei oder drei Hochzeits­gäste, meistens Mädchen oder Weiber, bequemten sich im Karren, der bei unvorsichtiger oder absichtlicher Wendung des flotten Kutschers überschlug und die possirlichsten Gestalten und Figuren zu Tage brachte. Derlei Fuhrwerke konnte man zu Dutzenden vor den Bräuhäusern sehen. Auch auf den Marktshochzeiten spielte die Geige, das Hackbrett und der Dudelsack die erheiterndste Rolle, und gab den schwer­besohlten Schuhen und Füßen eine Leichtigkeit, wie sie heutzutage die besten Musiker nicht ergreifender zaubern können. Die Geistlichkeit nahm an den Tanzunterhaltungen Antheil, und nicht selten stellte der eine oder andere sich in die Mitte, und hielt so die Tanzenden in geziemender Ordnung; beim Mahle saß der Pfarrer oben an und regalirte sich gebührender Massen mit den besten Brocken, dafür hatte der Hochzeiter die Freude, daß alles hübsch ordentlich herging und der kirchliche Segen mit in die Ehe kam. Es setzte zwar Räusche ab, aber dennoch war man am andern Morgen wieder so gesund, daß jedes Geschäft mit Besuch in die Frühmesse begonnen wurde.

Unsere Bürgersfrauen waren gleichfalls sittsam und sauber gekleidet. Spenser mit tiefliegenden Schößen in reichen Falten, durchweg aus Seide und Wolle, roth oder grün geblümt, die Enden waren in gut goldenen Bändern gefaßt, ein schwer seidenes Halstuch deckte hübsch züchtig Brust und Hals, welch letztere ein silbernes Gehänge auf größere oder mindere Wohlhabenheit schließen ließ. Auf dem sorg­sam gepflegten Kopfe saß eine zierliche Haube aus werthvollem Pelze oder sonstigem Seidenzeuge. mit einer goldenen Nadel befestigt. Röcke, steif und gedrückte Falten, von der Mitte aus bis an's Ende bildend, lagen an einer Wurst; sie waren ebenfalls aus theuerem Zeuge, schlossen sich vorne an dem Bauche in einem Schlitze, waren da mit anderm Stoffe besetzt zur Ersparung, und wurden mit einem 2 Ellen breiten oben sehr zusammengezogenen Fürtuche ebenfalls aus Seide überdeckt. Die Schuhe, meistens aber die Pantoffel, hatten einen Besatz von rothem Saffian, und waren desto schöner, je höher die Absätze waren. Die feinen Hände deckten im Sommer weiße leinene, im Winter kaninchenhärene lange Handschuhe, die in ihrer innern Fläche eine Oeffnung hatten, woraus man die Finger strecken konnte; die Finger prangten mit silbernen, manchmal mit goldenen Ringen. Ein silberbeschlagenes Gebetbuch bei denen, die lesen konnten, trug man unterm Arme, ein tüchtiger Rosenkranz, mit silbernen Breven, Balsambüchslein und seltenen Münzen unter den Betknötchen, hing andächtig eine halbe Elle lang über den Bauch, und ein pfundschwerer weißer oder rother Wachsstock mußte die Andacht in der Kirche in lichterloher Flamme erhöhen. Von entstellenden Kopftüchern wußte man nichts.

Jede Mutter führte ihre Kinder, wenn nicht alle Tage, doch sicher alle Sonntage in die Kirche; besorgte christlich die Erziehung derselben, und ging selbst mit gutem Beispiele voraus. Die Kinder hatten fleißige Körperbewegung, und balgten sich auf dem kothigen Markte dermassen herum, daß sie zum Ergötzen aller oft im Moraste stecken blieben. Eine Verpflichtung zum Schulbesuche gab es nicht, aber dennoch hielt man die Kinder an, daß sie lesen und schreiben lernten.

In jedem Bürgershause war Reinlichkeit und Ordnung; alles war an seinem Platze. Die Wohnstube hatte ein Gesundheits- oder Rauchloch, das bei übeln Ausdünstungen geöffnet und wieder geschlossen werden konnte. An der Stubenthüre hing ein Handtuch, in einem steinernen Kruge frisches Wasser zur Labung und Reinigung; neben dem Thürstocke heftete man den Weihwasserkessel an, womit jeder Austretende die Hausbewohner besprengte. Selten kommende Freunde und Fremde wurden bei ihren Besuchen im Hause herumgeführt, und alles gezeigt, was werth und theuer war; insbesonders that man sich viel zu Gute auf einen Vorrath von Wäsche. In vielfach ausgeschnittenen und verzierten eichenen Kästen waren die Stücke Leinwand zu Dutzenden geordnet; jede Tochter hatte ihre Ausfertigung im Voraus, und viele harte alte Thaler mit seltenem Gepräge lagen zur Schau auf.

Unsere Stuben waren niedrig und finster, die Decke schwarz, die Fenster waren aus mehreren Stücken Glas gegenseitig mit Blei befestigt, zusammengesetzt; vor jedem Hause war eine Bank angebracht, auf der die Familie, wie noch heutzutage, die Sommerabende zubrachte und die Vorübergehenden nach Stand und Gebühr musterte. Die vorstehenden Dächer der Bürgershäuser schützten zwar bei Tage gegen Hitze und Regen, hatten aber das Unangenehme, daß die Traufen vor jedem Hause einen Sumpf und so einen Morast bildeten, daß man nur mit Holzschuhen von einem Haus zum andern über die Gasse gehen konnte.

Die Küche der Thanner Frauen galt schon vor hundert Jahren als sehr fein; man trank selbst den theuern Kaffee ohne Rückhalt, und der Wein ging nie aus; der Handwerksmann schlürfte ihn in reichlichen Zügen, und aß dazu Zwieback. Zu Mittag lud der Meister Gesellen und sonstiges Gesinde auf Suppe, Fleisch mit Unterlage und Zuspeise; an Fasttagen auf Fische, die in den nahen Bächen in Masse gejagt wurden. Herr und Frau speisten auf eigenem Tische, nicht um etwa ihre Dienstboten in Darreichung geringerer Kost zu verkürzen, sondern damit die Ehehalten ungenirt sich sättigen konnten. Vor und nach dem Essen mußte gebetet werden; während des Essens herrschte Stille. Nach der Sättigung reichte man zum Dankeszeichen dem Meister und der Frau Meisterin die rechte Hand, und entfernte sich zur Arbeit. Um 3 Uhr mahnte der Magen abermals zum Brod; auch den Meister Tuchmacher oder Weber u. s. w., erinnerte es, daß die Zeit zum Biere anrücke; er ließ sich die Säcke mit übergebliebenem Braten oder Geräuchertem füllen, und so bepackt ging er mit seinem Nachbar in's Gasthaus, woselbst ihn der Wirth oder Bräuer mit leisem Händedruck empfing, und die Frau desselben, an hohen Festtagen angethan mit der schwersilbernen Kette, woran Löffel und Messer befestigt, höchst geschäftig das Leibkrüglein brachte, es füllte und scherzend ihren Gast unterhielt; dabei unterließ sie nicht im Gespräche den durch wiederholten Rausch ihres Mannes gestörten häuslichen Frieden gelegenheitlich anzuziehen, und dem Ruhestörer eines zu versetzen. Da gab es dann einen Disput, der des Angenehmen so viel bot, daß ein abermaliger Rausch fertig wurde.

Die Jahrtage, Festtage der Handwerke, wurden fleißig und im größten Aufputze besucht; außer einer öffentlichen Tafel wurde am Abende tüchtig und wacker gezecht, und gar zierlich Menuetté getanzt.

So geordnet und manierlich es innerhalb der Bürgershäuser war, so elendiglich und dreckig waren Straßen und Plätze. Der Bach war nirgends eingedämmt, die Wasserlachen standen wochenlang, im Winter konnte Alt und Jung ihr Spiel auf dem Eise mitten im Markte treiben, und Karren und anderes Wagenwerk blieben fast alle Tage zur Ergötzlichkeit der jubelnden schelmischen Jugend stecken. Jeder Handwerksmann hatte, mit Ausnahme der Weber und Tuchmacher, sein Metierszeichen; der Schneider die ellenlange Scheere, der Schuster einen zentnerschweren Stiefel, der Kürschner einen proportionirten Fuchsschwanz, der ohne alles Arge zum komischen Liede Anlaß gab: „Und beim Kürschner is a Graus, da hängas d'Schwänz beim Fenster aus."

Die Thannerfrauen hatten im sonderbaren Abstich gegen jetzt einen reichen Kindersegen; 12 Nachkömmlinge in einer Familie war nach Ausweis des Taufbuches eben nichts so seltenes, und Kindstaufschmäuse galten auch damals für große Ehrenfeste, die man dem Gevatter und dessen Frau gab, um sie für bessere Zeiten zu gewinnen. Um das Jahr 1690 und folgende bis Anfang dieses Jahrhunderts baute man in der Umgegend ganz wenig Korn, Waitzen gar nicht; Haber nothdürftig; es blühte nur die Viehzucht; die Felder in der Nähe galten daher für unfruchtbar, und wurde Waitzen von Pfarrkirchen gekauft, und hieher verführt. Der Magistrat theilte sich, wie überall in innern und äußern Rath; der Marktschreiber die Hauptperson; er spitzte die Feder, je nachdem er diesem oder jenem gewogen war. Der Magistrat schloß alle Käufe und Verkäufe, alle Eheverträge, er ertheilte Verweise und bis zu einem gewissen Grade auch Strafen; er regelte die Brod- und Fleisch-Taxe, und nahm die Bierfassen vor, wobei nach Gebühr das Bier probirt und approbirt wurde. Es gab damals auch schon tüchtige Kenner, und sie gingen nicht vom Flecke, bis dem edlen Gerstensafte seine Ehren angethan.

Sowie der Marktschreiber – um das Jahr 1693 – Herr Ignatz Kradt ein sehr feiner, gebildeter und auch recht gottesfürchtiger Mann war, so war auch der Schulmeister ein höchst bescheidner Mann; er mußte damals noch von milden Beiträgen leben, und bewohnte mit seiner Schule fast außerhalb des Marktes ein Haus, und gab über eine Stiege Unterricht, dem auch die Kinder der umliegenden Landleute anwohnten; meistens trieb der Schullehrer auch noch ein anderes Gewerbe, meistentheils Weberei oder Schneiderei, und der Schullehrer war eigentlich der Mann des Vertrauens, da man zu ihm keinen Zwang kannte, und die Kinder in die Schule gehen durften, wohin sie wollten; aber dennoch strafte der Lehrer exemplarisch, und das Aufhängen der nichtsnutzigen Kinder mit einem langen Strick an die Thüre kam wirklich gar nicht selten vor.

Die Erinnerung an die Schweden, die den lutherischen Glauben so sehr priesen, aber so grausam Tugend und Ehrgefühl schändeten, verleideten den Thannern alle und jede Neuerung in Kirchensachen, und bestärkten sie nur noch mehr in der Lehre der katholischen Kirche. Deßwegen ergriffen sie auch jede Gelegenheit, ihre Anhänglichkeit an den Glauben ihrer Väter zu zeigen, und bewiesen dieß vorzüglich um das Jahr 1695.

Mit diesem Jahre beginnt für den Markt Thann eine eigene Periode; es hatte ein Crucifix den Platz zum Wallfahrts-Ort gemacht, und zwar unter folgenden Umständen : Nach einer schon oben mitgetheilten Sage stand auf dem Stege, der vom Schlosse über das Moos zur Kirche gezogen war, ein Crucifixbild, welches ein Leonberge einstens aus Italien brachte; mit dem Ruine des Steges verlor sich im Laufe der Zeit auch das Bild, und man wußte mehrere Jahrhunderte nichts mehr von demselben. Da fand es nach der Sage ein Kistlergeselle beim Legen eines Zimmerbodens in der Werkstätte seines Meisters etwa 2 Fuß tief in der Erde; er reinigte die Figur vom Kothe, fand alle Züge gut bearbeitet, und brachte mit geübter Hand selbst einige Verbesserungen an. Dieser Tischlergeselle verehrte es um das Jahr 1649 dem Herrn Mathias Kradt, Oberschreiber am Pfleggerichte zu Eggenfelden als Hochzeitspräsent, der es in besondern Ehren hielt, und öfters wunderwirkende Kräfte an selbem erfahren; so soll die Pest im Jahre 1649, als sie in Eggenfelden arg hauste, in des Oberschreibers Haus Niemanden dahin gerafft haben; auch bei der Einäscherung des Marktes blieb die Wohnung des Oberschreibers sammt dem Crucifixe verschont. Nach dem Tode des Oberschreibers ging das Crucifix an feinen Sohn Herrn Ignatz Kradt über, wurde von Eggenfelden nach Thann gebracht, und dahier in seiner Marktschreibers-Wohnung mit ungemeiner Sorgfalt und Verehrung aufgehoben, und von Zeit zu Zeit den Andächtigen und Vertrauensvollen zur Beschau vorgezeigt.

Der bisher angeleimte Bart aus Menschenhaaren wuchs sichtbar, und als am 22. September 1695 der Cooperator von Thann, Herr Rudolph Meier denselben in Beisein des Bräuers Matthias Meier, und Leonhard Brunhauser, Glasermeister von hier, abscherte, hatte er in kurzer Zeit dieselbe Länge wieder, ohne daß menschliche Kunst im Spiele war (dies find die Worte der Gedenktafel in der Kirche), denn der Marktschreiber war ein sehr frommer Mann, der mit gewissenhafter Aengstlichkeit über sein Crucifix wachte, und um alles in der Welt wissentlich keinen Betrug vornehmen ließe. Die wunderwirkende Kraft des Bildnisses des Gekreuzigten hatte sich allwärts auf die Hilfesuchenden ergossen; der Ruf drang weit und breit; Hohe und Niedere wendeten sich nach Thann. So kam in großem Gepränge dahergefahren der hochedle Herr von Imslanden, Guts- und Gerichtsherr von Thurnstein bei Pfarrkirchen. Er litt seit mehreren Jahren an gänzlich zusammengezogenen Gliedern, konnte keine menschliche Hilfe finden, und wendete sich hieher, allwo er schon nach inbrünstigem Gebete frei stehen und gehen konnte.

Dieses allgemein Aufsehen erregende Wunder stand aber nicht vereinzelt, und die Zahl derselben mehrte sich so, daß sich der damalige Pfarrer von Thann und Zimmern, Dr. Joh. Bapt. Eggmüller, veranlaßt fand, nähere Erkundigung einzuziehen, und dem Dekane Bericht zu erstatten. Dieser, der damalige Pfarrer Johannes Peck von Zeilarn, bildete eine eigene Commission, welche aus dem Benefiziaten Franz Bek von Taubenbach, einem sehr gelehrten Theologen, unter Zuziehung des achtbaren und wohlhabenden Bierbräuers Johannes Dunz und des ebenso angesehenen als geschätzten Weißbäckermeisters Sebastian Haslinger – bestand, hatte in der Wohnung des Marktschreibers strenge Untersuchung gepflogen, und das Uebernatürliche des Bartwachsens wahr und richtig befunden. Davon wurde das hochwürdigste Ordinariat in Salzburg in Kenntniß gesetzt und nach vielen Vorbereitungen auf Befehl des Herrn Fürst- Erzbischofes Johann Ernst von dort das Cruzifix in feierlicher Prozession den 3. Mai 1696 aus des Marktschreibers Wohnung in die Kirche auf den Hochaltar gebracht und zur öffentlichen Verehrung ausgestellt. Der vom päpstlichen Stuhle allen Gläubigen, die nach reumüthiger Beicht ihre Andacht verrichten, ertheilte vollkommene Ablaß konnte nicht verfehlen, daß Wallfahrter genug kamen, und der Andrang war in den Gast­häusern oft so groß, daß auch Metzgern gestattet wurde, an den frequenten Andachtstagen Speise und Trank Verleit zu geben.

Es ist erklärlich, daß das wunderwirkende neue Christusbild bei dem allseitig wieder eingetretenen Wohlstande der Landleute sehr besucht wurde, und daß auch von Seite der Geistlichkeit alles aufgeboten wurde, die erstandene Wallfahrt im Aufschwunge zu erhalten. Es fehlte weder an Beichtvätern in der Kirche, noch an billiger Bewirthung der Gäste in Wirthshäusern, und so kam es, daß bis zum Ausbruche des neuen Krieges Thann mit Altötting einige Jahre um die Menge der Wallfahrter stritt. Für die Gewerbe hatte der massenhafte Zugang der Leute einen nachhaltigen Einfluß; sie hoben sich ungemein, und da eben die Handwerksleute nicht zu sehr übersetzt waren, so sammelten sich Wohlstand und Behaglichkeit in solchem Maaße, daß unsere Geschäftsleute selbst bei großen Häusern in Ansehen standen.

Die Arbeitsthätigkeit und der glückliche Spekulationsgeist brachten in dem Markte ansehnliche Kapitalien in Umlauf, welche von den vermöglichern Bürgern nicht blos zur Befriedigung leiblicher Bedürfnisse verwendet wurden, sondern auch zur Ausbildung des Geistes. Schon frühzeitig wurden die Söhne in die Fremde geschickt, um den Fortschritt der Gewerbe kennen zu lernen, oder sich in Künsten und Wissenschaften auszubilden. Ein Maler und ein Buchbinder fanden reichlichen Verdienst, und liefern den Beweis, daß die Kunst des erstern geschätzt, und die Beschäftigung des letztern in der Verbreitung der Bücher gesucht war.

Gedenkstein am Tanner Rathaus
Hochwasser 1702
Den 20 July Anno 1702 iſt alhier durch einen Wolkenbruch das Waſſer bis zu underſt dieſes Steins gegegangen.

Das Leben in Thann ging bis zum Anfange des Jahres 1700 seinen ganz ordentlichen Gang. Die Rathsherren bildeten eine Art Patrizier, denen man öffentlich Ehre und Ansehen nicht streitig machte, und sich sehr darin gefiel, wenn dieselben die Würde des Marktes aufrecht erhielten. Aber bei all der Umsicht, die die Wallner, Stießberger, Meier, Dunz, Auer und Schönswetter in ihrer Verwaltung bethätigten, und manche gute Einrichtung schufen, war es ihnen doch nicht möglich, eine solche Reinigung des Marktplatzes vorzunehmen, daß bei Regenwetter die Fuhrwerke nicht stecken blieben, oder die Hochwasser nicht ohne Schaden dahingingen. Als im Jahre 1702 den 20. Juli Nachmittags sich ein Gewitter durch einen Wolkenbruch entlud, standen alle Häuser des Marktes, wie das Wahrzeichen am Rathhause noch heutzutage zeigt, unter großem Wasser, und war der Schaden kein unbeträchtlicher, der Mitten im Markte steckten Pfähle an Vieh und Fahrnissen zuging. und waren Bretter gelegt; schuhtiefe Löcher ließen die Karren nicht mehr weiter, und kein Tag verging, wo nicht unter ergötzlichen Zulaufe der muthwilligen Jugend ein tüchtig Berauschter sich im Schlamme badete, oder ganze Häuser zur Flottmachung eines versunkenen Räderwerkes erbeten werden mußten. Nur da, wo der wöchentliche Viehmarkt abgehalten wurde, hatte der Bräuer vor seiner Wohnung ein hölzernes Pflaster bestellt, und wie oben gesagt, die Brücke unterhalten, damit ohne Gefährde die Rinder zum Verkaufe ausgeboten werden konnten.

Die von der Marktsgemeinde eingeführte Erhebung eines Standgeldes für Vieh füllte ihre Kasse sehr wohl, und es war wirklich nach authentischen Berichten eine Seltenheit, einen Bettler in der Commune zu haben. Ueberall gab es Arbeit und Brod; es herrschte aber auch an Sonn- und andern damals noch zahlreichen Feiertagen in Wirths- und Bräuhäusern ein tolles Leben und nicht selten blutige Händel, die der Raths- und Amtsdiener mit langem Haarbeutel, spanischem Rohre und Säbel an der Seite, oft selbst mit tüch­tigem Rausche, schlichtete.

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Aber nicht immer fort sollte der Friede und Wohlstand im Markte und der Umgebung blühen. Das Graf Lehrbach'sche Kabinets- und Todes- Kunststück hatte in Brüssel, wie bekannt, im Einverständnisse seines Hofes zu Wien den bayerischen Churprinzen Joseph, den ernannten Erben des spanischen Thrones, aus dem Wege geräumt – den 5. Febr. 1699. – Darüber entzündete sich in der Folge der spanisch-bayerische Erbfolgekrieg, der die Bayern und Oesterreicher so erbitterte, daß sie sich gegenseitig Tod schwuren, und die Bayern, die vom Ober- und Unterland, „lieber bayerisch sterben, als österreichisch verderben" wollten. Bekanntlich thaten sich die Unter- und Oberländler überall zusammen, und besonders in hiesiger Gegend zogen ganze Schaaren ihren Anführern Plinganser und Meindl nach. Der höchst unglückliche Ausgang der Schlacht bei Aidenbach, auf dem Klee- und Reschberge, stillte die patriotische Bewegung in den Schichten des Landvolkes in Ober- und Niederbayern; die Politik griff in die kriegerischen Ereignisse und stellte den Frieden wieder her. Die Nachwehen des Krieges waren vaterlose Waisen, weinende Bräute, trauernde Eltern, verwüstete Felder und Häuser. Auch der Markt Thann litt stark unter dem Drucke der Feinde; diese plünderten und brannten; und selbst im Jahre 1721 hatten sich die Bürger noch nicht erholt, denn Wening sagt in seiner Topographie der 4 Rentämter von Bayern bei Gelegenheit der Beschreibung des Marktes, daß derselbe ärmlich aussehe, weil er von den Drangsalen des letzten Krieges, größtentheils noch ungebaut, sich nicht erholt hatte.

Die Bürger von Thann hatten auch in diesem Kriege alle ihre Opfer auf den Altar des Vaterlandes gelegt, und gezeigt, daß ihnen das­selbe über alles ging. Es war ein herzzerreißender Anblick für sie, als die österreichischen Soldaten ihre waffenfähigen Söhne zwangen, ge­gen ihren Churfürften zu kämpfen; allein sie mußten der Nothwendigkeit weichen und auf bessere Zeiten sich vertrösten. Diese kamen auch mit dem Frieden, der so wohlthätig wirkte, daß um das Jahr 1724 schon wieder bedeutende Geschäfte getrieben wurden.

Aber diese Geschäftsrührigkeit dauerte eben wieder nicht lange, denn schon 1741 wurde der Markt mit bayerischen Soldaten, welche in Oesterreich einrückten, belegt, und als der kaiserlich bayerische General Minuzzi den 9. Mai 1743 bei Simbach mit überlegener Macht von den Oesterreichern angegriffen und überwältigt wurde, überschwemmten die Sieger auch den Markt Thann, und die übermüthigen Panduren ließen sich alles schmecken, was Küche, Keller und sonstige Vorrathskammern boten; man hat diese so wie die Schweden im unvergeßlichen Andenken.

Diese Panduren hatten ein Lager außerhalb des Marktes, allwo sie die gestohlenen Schweine, Hühner, Lämmer, Gänse u. s. w. kochten und das weibliche Geschlecht muthwillig traktirten; aber auch freiwillig rannte verschiedenes Weibsvolk den Soldaten nach, und ein gewisser Tuchmacher sah sich sogar veranlaßt, um derlei Verdrießlichkeiten auszuweichen, selbst unter das Militär zu gehen, von wo er nach mehreren Jahren wieder zurückkehrte. Wie mir ganz alte Leute erzählten, die den bayerischen Krieg von ihren Eltern noch wußten, hatten die Rothmäntler sehr schöne Musik, und man gewöhnte sich durch ihr längeres Verweilen auf hiesiger Nähe so sehr an sie, daß man sie ungerne scheiden sah. Insbesonders gaben sie den Tuchmachern für Anfertigung rothen Tuches zu ihren Caputzen große Summen Geldes, und brachten überhaupt viel Leben in den Markt. Dennoch war aber der Friede erwünscht, und alles jubelte, als derselbe abgeschlossen wurde, und Bayern durch 40 Jahre Ruhe hatte. Für die Tuchmacher und Weber, dem alten Fleiße folgend, öffneten sich wieder die Absatzwege nach Oesterreich und in's Salzburgische, und um das Jahr 1750 kehrten dieselben glücklichen Zeiten wieder, wie gegen das Ende der Jahre 1698 und 1699 auf 1700.

Während so langer Friedenszeit hob sich das Gemeinwesen des Marktes, und es gab helle und verständige Köpfe genug, welche sich für die schon allseitig beginnende Aufklärung in den 1770er Jahren empfänglich zeigten. Wasserleitungen wurden angeordnet, öffentliche Brunnen und Behälter erbaut, eine Feuerordnung eingeführt, dem Straßenbettel gesteuert, das Armenwesen besorgt, die Zünfte geregelt, und der Schule besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Vorzüglich ein Mann war es, der verdient, daß sein Name für immer­währende Zeiten dem Gedächtnisse der Marktsbewohner aufbewahrt werde. Tobias Wallner heißt der Edle, der durch seine Stiftungen des Armenhauses und eines Curat-Beneficiums im Jahre 1743 sich das Verdienst eines ächten Biedermannes um seine Mitbürger erworben hat. Ein einfacher marmorner Stein an der linken Wand der vordern Seite der Kirche verkündet seinen Ruheplatz und sagt den Bewohnern von Thann mit wenig Worten, daß er Handelsmann, Marktskämmerer und ledigen Standes, 63 Jahre alt, stets ein Vater der Armen und Nothleidenden war, der diesen auch sein ganzes bedeutendes Vermögen zur Erinnerung im Gebete für seine Seele vermachte.

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Die Wallner'sche Stiftung hatte einem längst gefühlten Bedürfnisse abgeholfen; vermöge derselben wurde eine erkleckliche Anzahl bürgerlicher Armen versorgt, und durch die ständige Aufstellung eines Benefiziaten konnte im Beichtstuhle bei der neu errichteten Wallfahrt ununterbrochene Aushilfe geleistet werden. Diese Wallfahrt wurde von Nah' und Ferne auch stark besucht, und die der Kirche zugeflossenen Gaben waren ansehnlich genug, um einen prächtigen Kasten, worin das Crucifix aufbewahrt wurde, anzuschaffen, und eine hinlängliche Anzahl Geistlicher zur würdigen Abhaltung des Gottesdienstes bestellen zu können.

Bei dem großen Andrange der Pilger standen sich alle Gewerbe sehr wohl, und jeder Gewerbsmann konnte einen Nothpfenning zurücklegen, welcher in folgender Zeit um so dringender wurde, als schon 1770–73 in ganz Bayern eine starke Hungersnoth einriß, und auch in Thann ihre Folgen an den Armen zeigte. Diese Hungersnoth hielt drei Jahre an, und würde die Bewohner dahier arg mitge­nommen haben, wenn nicht die vermöglichere Bürgersklasse alles darangewendet hätte, die Nothleidenden durch Verschaffung von Arbeit zu unterstützen. Der Rath kaufte Getreide und vertheilte es um geringen Preis; einzelne Handwerker, wie der Weißgerber, ließen ihre Häuser abbrechen und neue aufbauen, damit die Leute Beschäftigung bekamen.

Die Hungersnoth hatte auf den Betrieb der Tuchmacherei und Weberei keinen Einfluß; die Leinweber handelten mit ihrer Waare nach Salzburg; die Tuchmacher im Lande überall. Wie Bayern überhaupt, so war auch der Markt Thann in höchst glücklichen Zuständen, und nach den Erzählungen von Leuten aus jener Zeit galt das Sprichwort: „in Thann ist gut wahn" – wohnen – für vollkommen richtig. Schade, daß das glückliche Zusammenleben der Bürger wieder auf einige Zeit gestört wurde. Hatte schon der Tod des allgeliebten Curfürsten Max ΙΙΙ. in jedem Unterthan den unaussprechlichsten Schmerz verursacht, und rannte man auch in Thann von Haus zu Haus, um sich weinend das zu frühe Hinscheiden des trefflichen Landesvaters mitzutheilen: so wurde jeder Bürger höchlich in der Seele betrübt, als bald nach dem Aussterben des Ludwig-Wittelsbach'schen Stammes unter dem Vorwande von übrigens längst erloschenen Erban­sprüchen Oesterreich mit seinem Kaiser Joseph ΙΙ. mit einem ansehnlichen Heere die niederbayer'schen Provinzen besetzte; es war Ende Januar 1778. Bekanntlich rettete Bayern nur durch die Vermittelung des Lutherischen Königs Friedrich des Großen ΙΙ. und der Herzogin Marie von Sulzbach in Neuburg a. d. Donau seine Selbständigkeit; ohne diese wären wir österreichisch. In Thann war über die Zer­stückelung Niederbayerns durch die Abtretung des schönen und reichen Innviertels unendliches Herzeleid, denn der die Industrie seines mächtigen Reiches ungemein begünstigende Kaiser Joseph schloß die Grenzen, und legte starken Zoll auf die Eingangswaaren. Damit war den Webern und den Tuchmachern ein unlieber Damm geschlagen. Auf den Viehmarkt hatte die Grenzsperre keinen so nachtheiligen Ein­fluß; denn die Händler wurden von dem Markte in Braunau abgehalten, und fanden sich häufiger in Thann ein. Schon um das Jahr 1780 und 84 hatten die Thanner Tuchmacher neue Wege nach den Gegenden des Unter-Mains und nach Schwaben gefunden, und konnten den Verkehr nach Oesterreich bald verschmerzen; nicht so ging es den Webern, da trat eine Geschäfts Stockung bis in die Zeiten des französischen Krieges ein, und der Abstand war zwischen den Tuchmachern und Leinwebern ein so greller, daß die Frauen der erstern sich sogar in Kirchstühlen und Fleischbänken sorgfältig von den der letztern schieben, und mit dem Namen eines Tuchmachers durch den ganzen französischen Krieg der Begriff des Reichthums und Wohllebens verbunden war. Die Zeiten scheinen in rächender Weise sich geändert zu haben!

Den 13. November nachts 12 Uhr im Jahre 1785 in einer windigen kalten Winternacht wurde der Markt von großem Unglücke bedroht. Es brach Feuer aus, und verzehrte die Häuser am Fahrwege nach Schildthurm; der Wind blies schrecklich und nur der angestrengtesten Thätigkeit und dem Hilferuf zum wunderthätigen Cruzifixbilde in der nahen Kirche verdankte man, wie die Votivtafel sagt, die Einhaltung und Löschung des verzehrenden Elementes.

Bis Ende des 1799er Jahres lebte man in Thann seelenvergnügt; die spärlichen Zeitungen, die man wöchentlich einmal über Markt erhielt, brachten die Nachrichten der französischen Revolution, und erfreuten die Tuchmacher nicht selten, weil Hoffnung schimmerte, daß mit dem Ausbruche eines Krieges in Teutschland ihr Gewerbe bevortheilt werde. Ihr Wunsch wurde auch bald erfüllt. Nach der von dem tapferen General Moreau in Hohenlinden so glücklich gelieferten Schlacht, den 3. Dezember 1800, drang die begeisterte republikanische Armee unaufhaltsam an den Inn vor und nahm auch in Thann Quartier. Nach verschiedenen Wechselfällen wurden die Einwohner bald mit Oesterreichern, Bayern und Franzosen belästiget, und je nach der von der Militär- Macht behaupteten Regierung wurden die Proklamationen ausgegeben und an öffentliche Gebäude angeheftet. Die unkluge Herabnahme einer solchen zog dem Cooperator Expositus Leibenger von hier große Unannehmlichkeiten zu; der Kommandant der im Markte liegenden kaiserlich öftreich'schen Truppen nahm ihn fest und er wurde abgeführt und vor ein Kriegsgericht gestellt, welches ihn nach vielen Drangsalen endlich doch mit einem tüchtigen Verweise frei entließ.

Im Ganzen genommen hatte der lange französische Krieg nicht so nachtheilig auf die Geschäfte des Marktes gewirkt, als vielleicht auf andern Plätzen; denn die vielen Tuchmacher fanden in Lieferung ihrer Waare an das Militär ihre Rechnung, und es soll sogar welche gegeben haben, die sich heimlich in die Faust lachten, und dem Kriege ein hübsch gedeihliches langes Leben wünschten. An den schmucken geschwätzigen Franzosen hatte insbesonders das schöne Geschlecht großen Gefallen, und soll sich in vielen häuslichen und nicht häuslichen Angelegenheiten und Verlegenheiten ihrer Hilfe bedient haben. Es hat aber auch an roher Behandlung von Seite der Franzmänner nicht gefehlt. Augenzeugen können es dem Marschall Lannes, Herzoge von Montebello nicht vergessen, wie er sich im Adlmanseder'schen Gasthofe so wenig ritterlich benahm.

Der mit Quartierbestellung für die anrückenden Franzosen im Monate Juni 1809 von dem Magistrate beauftragte Schreinermeister Bauer erstattete im Nebenzimmer des gedachten Gasthofes dem General in Gegenwart seines Adjutanten getreulichen Bericht, und glaubte unschuldsvoll sein Geschäft zu verrichten, als Lannes dem verlegenen Schreiner für seine Beschränktheit eine tüchtige Ohrfeige absetzte und ihn hohnlächelnd entließ. Des andern Tages zog der Marschall mit seinen Leuten gegen Oestreich, und bald darauf hatte der Tapferste unter den Tapfern, wie Napoleon ihn hieß, auf dem Schlachtfelde von Aspern das herbe Geschick, beide Füße von einer feindlichen Kugel zerschmettert zu sehen. Als die Nachricht hievon nach Thann gelangte, meinte der Schreiner Bauer, das den Marschall getroffene Unglück seih eine volle Vergeltung für die Entweihung seiner Hände, die er ohne Degen und gegen einen wehrlosen Bürger gebrauchte.

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Das viele Geld, das durch die Tuchmacher in den Markt gebracht wurde, ließ die Leiden des Krieges bald vergessen; die allenfalls herab­gekommenen Einwohner erholten sich und der Markt war 1825 schon wieder so wohlhabend, daß die Bürger das 25 jährige Regierungs-Jubelfest Königs Maximilian 1. mit allen Ehren begehen konnten. Das Eindringen fremder Waare und die auffallende Begünstigung der Fabriken wirkte seit der Zollvereinigung mit dem nördlichen und westlichen Deutschland auf die hiesigen Tuchmacher höchst ungünstig; ein Zustand, der bis zum Jahre 1842 ein peinigender war. In diesem Jahre hatte das französische Gelüste nach dem Rhein den Bundestag aus seinem Schlummer geweckt, und öffentliche Rüstungen vorgenommen; es gab große Tuchlieferungen und die Tuchmacher frohlockten. Doch der süße Traum verflog; die neuesten Ereignisse kamen den hiesigen Tuchmachern und Webern wenig zu Gunsten, da die Militär-Oekonomie-Commission an den Ankauf von Tüchern in Beziehung auf Feine, Farbe und sonstigen Gehalt solche Bedingungen knüpfte und noch fordert, daß die Lieferanten ohnmöglich ihre Rechnung finden.

Der Abschwung der einst so blühenden Tuchmacherei, die ganze Familien mit Wollspinnen u. s. w. ernährte, wirkt sehr nachtheilig auf das öffentliche Leben im Markte. Die besten und betriebsamsten Häuser sind gefallen, und bei der übeln Berechnung, daß den Arbeits­häusern und Fabriken dieselben Vortheile besser gestellt werden, läßt es sich voraus- sehen, daß in wenig Jahren die Tuchmacherei als Handwerk erlischt. Möglich, daß der in Aussicht stehende Fall der Zollschranken die östreich'schen Grenzen öffnet, und dem hiesigen Fabri­kate, mittlerer Sorte, einen neuen Absatz verschafft; allein dieser Zeitpunkt liegt noch ferne, und darauf läßt sich nicht sündigen.

Der Markt Thann gehört ohnstreitig zu den schönern von Niederbayern. Seine frühere magistratische Verfassung hatte derselbe abgelegt, und dafür die wohlfeilere landgemeindliche angenommen. Ob aber die Bürgerschaft bei Nichtannahme des Magistrates mehr gewonnen, lasse ich dahingestellt; ich bin anderer Meinung. Während 100 Jahren war Thann in verschiedene Landgerichte eingetheilt; es gehörte nach Burghausen, Neuötting, Eggenfelden, und seit 12 Jahren nach Simbach a./Inn. Die wöchentlichen Viehmärkte, jeden Donnerstag, werden sehr stark von Händlern besucht und viel Geld in Umlauf gesetzt; die Gemeindekasse erhebt ein Standgeld für jedes Rind, und hat überhaupt noch andere Einkünfte zur Bestreitung ihrer Bedürfnisse. Schulden sind nach Abzug der Aktiva keine vorhanden, und dürfte bei klügerer Verwaltung ohne weiters ein namhaftes Kapital aufgenommen werden, um den herausgekommenen Gewerben durch versicherte Darlehen aufzuhelfen. Im Markte sind Großbegüterte bis zu 300 Tagwerk; die Gasthöfe sind sämtlich geräumig und elegant; die Bedienung durchweg eine ausgezeichnete, die Koft und Trunk eine feine. Das Klima gehört ohnstreitig zu einem der gesündesten, und ist Schwindsüchtigen, oder solchen, die Anlage dazu haben, besonders zu empfehlen. Leute mit etlichen 90 Jahren gehören nicht zur Seltenheit, und ich kenne Personen, die hier von langwierigen hartnäckigen Krankheiten vollkommen genesen sind. – In Thann ist stets ein großer Zusammenfluß von Menschen; an Feiertagen sind alle Gasthäuser voll, und in der Kirche beim Gottesdienste trifft man Leute aus 14 Pfarreien; daher auch Fremde gerne hier verweilen, und selbst der hochwürdigste Bischof von Passau, Heinrich, den Aufenthalt in Thann für den genußreichsten hält. Er nimmt seit einigen Jahren hier für 2 Dekanate die Firmung vor und sucht jede Gelegenheit, den religiösen und biedern Thannern Beweise seiner Zuneigung zu geben. In Wahrheit muß man sagen, daß die Bürgerschaft, obgleich das Sprichwort sagt: „Thanner sind Zahner" d. h. mit den Zähnen fletschen — ein sehr charaktervolles Völkchen ist, das zwar mit zäher Liebe am Alten hängen will, aber doch mit Eifer das Neue in der Theorie verfolgt. Sie haben von jeher viel Sinn für Kunst und Wissenschaften; in ersterer sind die Arbeiten eines verstorbenen Hafners Kohlmüller in Töpfer-Thon ein Meisterstück, und Kenner schätzen sie ungemein hoch. Kirche und Staat zählen in ihren Reihen Männer als Zierden aus Thann. An Unterrichtsanstalten ist leider nur die teutsche Schule allein vorhanden; es läßt sich aber erwarten, daß das Wallnersche Benefizium in Bälde mit einem Lehrer für den Unterricht in der lateinischen Sprache. besetzt werde, um den Anforderungen der Zeit zu genügen. Früher erhielt der Markt seine Briefe und Zeitungen mit erhöhten Kosten von Märkl, und es ist rühmenswerth, daß seit 1. Februar 1852 auf Anordnung des kgl. Oberpostamtes Herr Bierbrauer und Realitätenbesizer Bernhard Adlmanseder mit wahrer Uneigennützigkeit mittels täglicher Omnibusfahrten zwischen Eggenfelden, Thann und Simbach den Verkehr besorgte, und so einem längst gefühlten Bedürfnisse abhalf. Nur ein Mann, der für alles Schöne und Gute so viel Sinn und Empfänglichkeit hat, wie Adlmanseder, konnte eine so wichtige Mission, wie der Post übernehmen. An Wohlthätigkeits-Anstalten gibt es hier ein Armenhaus und ein sehr nothdürftig bestelltes Krankeninstitut für die Dienstboten. Das Gemeindehaus ist ein stattliches Gebäude, enthält aber ungeeignete und unzweckmäßige Räumlichkeit; zuunterst befindet sich die öffentliche Waage, die Feuerlöschrequisiten und das Arrestlokal. Die Kirche, deren Bau mit Ausnahme des etwa zu niedern Thurmes, ein solider Prachtbau ist, ist im Jahre 1801 den 30. September vollendet worden. Das Schiff ist ein hohes weites Bogengewölbe, das auf beiden Seiten auf korinthischen Säulen ruht; die Emporkirche wird von zwei Dorischen Säulen getragen von ächtem schönen lichten Marmor; der Hochaltar eine graudiöse Arbeit des Steinmeßmeisters Johann Dopler von Salzburg vom Jahre 1805 ragt in jonischen Säulen bis an die Decke; alles ist schönster Marmor, der ein ausgezeichnetes Gemälde, den Abschied des hl. Petrus von Paulus, von Hauber, enthält; andere gleich treffliche Gemälde sind die Kreuzwegtafeln, gemalt von de la Croce in Burghausen; die Orgel, bestehend aus 24 Registern, ist hinsichtlich ihres Klanges und Reinheit ein Meisterstück aus dem Kloster der Dominikaner in Regensburg. Die Kirche ist nicht vermöglich, hat aber viele werthvolle silberne Gefäße; im Jahre 1853 wurde die Einfassung des wunderthätigen Crucifixes bestohlen.

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Thann wurde auf Betrieb der Gemeinde und des so umsichtigen Pfarrers Bledl in neuester Zeit wieder unabhängige selbstständige Pfarrei. In dem massiv gebauten Herrenhause, dem jetzigen Pfarrhofe, verwahrt der Pfarrer ein schätzbares Gemälde von de la Croce, die Geburt Christi vorstellend; es ist sein Eigenthum, und wird Kunstliebhabern mit größter Bereitwilligkeit vorgezeigt. Der k. Lieutenant und Unteraufschläger Herr v. Freischlag auf Freienstein besitzt neben seinen seltenen Werken von Buchdrucker - Arbeiten und Holzschnitten auch eine Madonna auf Holz von dem berühmten Direktor der Malerakademie zu Prag, Bergler; der Verfasser dieser Monographie einen kostbar eingelegten Sekretair von einem berühmten Hoftischlermeister aus der Zeit des Kurfürsten Ferdinand Maria.

Den Gottesacker zieren ganz einfache, aber hübsche Grabmonumente, unter denen des Handelsmannes Hofreiters Grabmal, die Auferstehung Christi von Hanecker in Neuötting, hervorragend genannt werden kann.

Hieran werde ich in ganz kurzer Zeit noch geschichtliche Notizen nachliefern, da mir durch die Gefälligkeit eines guten Freundes einige auf die Geschichte von Thann bezügliche Dokumente noch übergeben wurden, als ich vorstehende Arbeit schon abgeschlossen hatte; ich bitte daher mit dem Abdrucke so lange zu warten, bis der Nachtrag folgt. Dr. Baumgartner. Leider! starb dieses thätige Vereinsmitglied am 4. März 1854.2 Dr. Wiesend, k. Reggs.-Rath, Vereins-Vorstand.


Kupfertstich 1721
Kupferstich aus dem Jahr 1721 von dem Nürnberger Zeichner Michael Wening

Chur-Bayriſche Land-Beſchreibung

Gericht Märktl

Renntambis Baurghausen

Thann am Moß

Ist ein Marckt, Gerichts Märcktl,     zwischen denen Höltzern und Tahlln, dann von Braunau drey und von ersagtem Märcktl zwo Stundt weit entlegen; Ersagter Marcktfleck – warbey sich sechzehen Tuechmacher (warvon der mehriste Thail der armen Leuth mit dem Wollspinnen erhalten wird) befinden – ist in Feinds Zeiten zimblicher massen ruiniert und ver­wüstet; bis anhero aber von der Burger­schafft wegen groß obhabender Armuth nicht völlig erbauet worden. Weiters ist in dem daselbstigen Gottshauß – warinnen St. Pet­rus und Paulus als Schutz-Patroni verehret werden – ein wunderthätiges Crucifix vor­handen; übrigens ist diser ein sehr gesunder Orth”.

Die heiligen
Gregorius und Elisabeth
werden beständig in
diesem Markt Pfarr-Kirche alda
als Schutz-Patroni verehret.